COFFRA in der Presse . Wirtschaftswoche
Warum es in Frankreich so viele Weltmarktführer gibt
Darauf getrimmt, die Ersten zu sein
Was für ein Comeback! In den Neunzigerjahren war Air France noch das Aschenputtel unter den Fluglinien Europas. Eine streikfreudige Mannschaft, die mit Vorliebe zu Spitzenzeiten wie Ferienbeginn oder Fußballweltmeisterschaft zuschlug, und eine verfehlte Expansionspolitik brachten das Pariser Unternehmen an den Rand des Ruins.
Heute schickt sich Air France an, zum größten Carrier der Welt aufzusteigen. Mitte vergangener Woche gab die EU-Kommission grünes Licht für die Fusion zwischen den Franzosen und der niederländischen KLM. Mit einem Umsatz von 19,2 Milliarden Euro und mehr als 100 000 Beschäftigten verweist die neue Superfluglinie die US-Gesellschaft American Airlines auf Platz zwei in der Weltrangliste – und lässt auch in Europa seine Hauptkonkurrenten Lufthansa und British Airways weit hinter sich.
Wieder einmal hat es ein französisches Unternehmen geschafft: In einer wichtigen Branche wie der Luftfahrt spielt es ganz vorne mit. Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich eine Tradition, mithilfe aktiver Industriepolitik so genannte nationale Champions zu kreieren. Diese sind stark genug, um im Zeitalter der Globalisierung in der Weltliga mitzuspielen. „Frankreich ist das Land“, lobt der für Wettbewerbsfragen zuständige EU-Kommissar Mario Monti, „das es verstanden hat, die größte Zahl großer Wirtschaftsspieler zu schaffen.“
Wie die nationale Klaviatur gespielt wird
Ob der Kosmetikriese L'Oreal oder der Glashersteller Saint-Gobain, der Energieversorger Suez oder der Luxuskonzern LVMH – sie alle sind Weltmarkführer in ihrer Branche. Und Unternehmen wie der Ölmulti Total, die Handelskette Carrefour, der Versicherer Axa und der Reifenproduzent Michelin gehören zur Weltspitze. In einem Ranking des US-Wirtschaftsmagazins „Fortune“, das die Global 500 in 50 Industriezweige unterteilt, werden zehn Branchen von Franzosen angeführt. Aus Deutschland, nach USA und Japan der drittgrößten Industrienation, kommen mit BASF (Chemie), Allianz (Versicherung), Siemens (Elektrotechnik) und ThyssenKrupp (Industrieausrüstung) nur vier Spitzenreiter.
Und jetzt soll, so will es Sanofi-Synthélabo-Chef Jean-François Dehecq, auch ein Champion in der französischen Pharmaindustrie geschmiedet werden. Ende Januar lancierte der Patron eine feindliche Übernahme auf den deutsch-französischen Konkurrenten Aventis, der mehr als doppelt so groß und 1999 aus der Fusion zwischen Hoechst und Rhône-Poulenc entstanden ist (WirtschaftsWoche 6/04). Sein ehrgeiziges Ziel: die Schaffung des – nach dem US-Konzern Pfizer und der britisch-amerikanischen Kombination GlaxoSmithKline – drittgrößten Arzneimittelherstellers der Welt.
Geschickt spielt der 64-jährige Manager, ein enger Freund von Präsident Jacques Chirac, dabei die nationale Klaviatur: Der französischen Öffentlichkeit verkauft er die Fusion als nationales Projekt, um mit den Amerikanern gleichzuziehen. In Deutschland, wo Politiker und Betriebsräte lautstark um die Aventis-Jobs in Frankfurt bangen, betont Dehecq dagegen die „europäische Dimension“ des Vorhabens.
Seit Jahrzehnten Prestigeprojekte
Zwar weiß man auch in Paris, dass Größe nicht alles ist. Zuletzt zeigte der französische Medienkonzern Vivendi Universal, dass eine zu ungestüme Expansionspolitik an den Rand des Konkurses führen kann. Aber es herrscht Konsens darüber, dass ein Unternehmen, das beim globalen Monopoly nicht mitspielt, ins Hintertreffen gerät – und dadurch auch die Wettbewerbsfähigkeit seines Landes leidet. „Wer nicht zur verlängerten Werkbank degradiert werden will“, sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, „braucht in jeder wichtigen Branche einen nationalen Champion.“
Dieses Ziel verfolgen die Franzosen seit Jahrzehnten beharrlich. In den Siebziger- und Achtzigerjahren planten sie Prestigeprojekte wie das Überschallflugzeug Concorde, den Schnellzug TGV und auch den Flugzeugbauer Airbus, pumpten Milliarden von Franc hinein und betrieben so eine gezielte Industriepolitik. Heute dagegen greift die Regierung nur noch in Ausnahmefällen direkt ein. Wie zum Beispiel im Fall Alstom: Der Staat gewährte dem Elektrokonzern im vergangenen Jahr eine Kapitalspritze, um ihn vor der Pleite zu retten. Oder wenn es um nationale Sicherheitsinteressen geht: So ordnete der Staat 2001 die französische Atomindustrie neu und schloss die beiden Unternehmen Cogema und Framatome zum Weltmarktführer Areva zusammen.
In Zeiten der Globalisierung, wo rund 35 Prozent des französischen Börsenkapitals in den Händen ausländischer Investoren liegt, wird eine staatliche Einflussnahme ohnehin immer schwieriger. „Der französische Staatsinterventionismus ist einer aufgeklärten Industriepolitik gewichen“, sagt Kurt Schlotthauer, Chef der Pariser Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Coffra.
Staat als Helfer hinter den Kulissen
Statt des direkten Eingriffs kümmert die Regierung sich lieber um günstige Rahmenbindungen für ihre nationalen Champions. So ist beispielsweise Air France dank staatlicher Fürsorge die einzige Fluglinie in Europa, die keine Expansionsprobleme auf ihrem Heimatflughafen hat. Mehr noch: Die Air-France-Drehscheibe Charles De Gaulle bei Paris ist – einmalig in Europa – noch ausbaufähig. Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber: „Bei uns in Frankfurt dauert der Bau einer Bahn länger als Entwicklung und Bau des neuen Großraum-Airbus A380.“ In Frankreich genügen ein paar Anrufe, um die Prozedur zu beschleunigen.
So gefällt sich der französische Staat in der Rolle des Helfers hinter den Kulissen, wenn einer der nationalen Champions Unterstützung braucht, oder als Moderator bei Übernahmeschlachten. Im Bankenkrieg, der 1999 zwischen den drei Geldhäusern Banque National de Paris (BNP), Société Gé- a nérale und Paribas tobte, moderierte der heutige EZB-Chef Jean-Claude Trichet, seinerzeit noch Vormann der französischen Nationalbank, die Verhandlungen zwischen den Streithähnen.
Kapitalismus à la française
Parallel dazu signalisierte der damalige Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn seinen europäischen Amtskollegen, dass Paris keine Einmischung von ausländischen Banken wünsche. Zum Schluss übernahm die BNP die Investmentbank Paribas, und die Société Générale blieb selbstständig. Heute ist die BNP Paribas die nach Marktkapitalisierung größte Bank der Euro-Zone; die umsatzstärkere Deutsche Bank ist an der Börse rund sieben Milliarden Euro weniger wert.
Der Fall BNP Paribas zeigt aber auch – ähnlich wie im vergangenen Jahr die Übernahme des Crédit Lyonnais durch den Crédit Agricole –, was die französische Wirtschaft zusätzlich vorantreibt: mutige und aggressive Topmanager, die vor Übernahmeschlachten und dem „reinen und harten Kapitalismus“ („Le Monde“) nicht zurückschrecken. Während es in Deutschland fast nur feindliche Angriffe von Ausländern auf deutsche Konzerne gab – Vodafone attackierte erfolgreich Mannesmann, Pirelli vergeblich Continental –, gehören feindliche Übernahmen zum Kapitalismus à la française. Der damalige BNP-Chef Michel Pébereau lancierte 1999 gleich zwei feindliche Übernahmeangebote. Aber auch TotalFina-Chef Thierry Desmarest bewies Chuzpe: Der Ölmanager griff 1999 den größeren Pariser Konkurrenten Elf an – und gewann. So entstand der viertgrößte Ölmulti der Welt.

nach oben