COFFRA in der Presse . Financial Times Deutschland

Der Mittelstand auf Europäisch

Franzosen zapfen verstärkt den Kapitalmarkt an. In Italien dominieren Familienbetriebe. Die Briten wollen ihr Land zum Paradies für Unternehmensgründer machen.

Ähnlich wie „Kindergarten“ haben Ausländer das deutsche Wort „Mittelstand“ in ihren Wortschatz aufgenommen. In seiner Ausprägung und Wichtigkeit mag zwar Deutschland die Heimat der tüchtigen Familienunternehmer sein, die die Leitung ihrer Firma von Generation zu Generation weitergereicht haben. Viele sind als Nischenplayer zum Weltmarktführer geworden. Doch gibt es im restlichen Europa eine ähnlich geartete Gruppe von Unternehmen, die als „small and medium-sized companies“, „petites et moyennes entreprises“ oder als „piccole e medie imprese“ für die heimische Wirtschaft ähnlich wichtig sind wie die Autozulieferer im wirtschaftsstarken Schwabenland.

Franzosen sehen neue Basel-II-Regeln gelassen

In jedem Land stehen die Mittelständler auf einer anderen Entwicklungsstufe. Um diese näher zu untersuchen, hat die Unternehmensberatung KPMG eine europäische Mittelstandsgruppe gebildet, der Partner aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Italien angehören. Tammo Ordemann ist einer von ihnen: „In Italien gibt es eine starke Familienprägung. Die Holländer sind bei der Umstellung ihrer Rechnungslegung am weitesten. In Frankreich ist der Mittelstand noch am kleinteiligsten, was sich beispielsweise durch den Fokus auf den nationalen Markt äußert.“

BNP Paribas zufolge gibt es in Frankreich 280.000 Firmen mit sechs bis 200 Mitarbeitern. In Deutschland liegt diese Zahl bei 500.000. Frankreichs kleinere und mittelgroße Unternehmen (KMU) sind zudem kleiner als die deutschen: 98,5 Prozent beschäftigen weniger als 100 Mitarbeiter.

Während deutsche Mittelständler sich wegen der neuen Basel-II-Regeln zur Eigenkapitalunterlegung von Krediten um ihre Finanzierung sorgen, sehen dies die Franzosen gelassen. „Für den französischen Mittelstand ist das kein Thema“, sagt Vincent Becquey von BNP Paribas. Während deutsche KMU mit rund 18 Prozent unterkapitalisiert sind, haben die Franzosen mit durchschnittlich 34 Prozent Eigenkapital eine bessere Ausgangsposition bei der Kreditvergabe.

Suche nach alternativen Geldquellen

Zudem suchen sie beim Fremdkapital nach Alternativen und zapfen den Anleihemarkt an, um ihre Abhängigkeit vom Bankkredit zu schmälern. „Im Vergleich zu Deutschland ist Frankreich der Entwicklung bei der Unternehmensfinanzierung voraus“;, sagt Torsten Hinrichs, Geschäftsführer Deutschland der Rating-Agentur Standard & Poor's. „Lieferantenkredite, Leasingfinanzierung und Kundenwechsel sind normale Finanzierungsformen“, sagt Kurt Schlotthauer, Gründer der Pariser Unternehmensberatung Coffra.

Nachholbedarf haben die Franzosen bei der Internationalität. Viele Mittelständler wagen wegen ihrer geringen Größe den Schritt ins Ausland nicht. Andere haben schlicht keinen Bedarf, weil sie als Zulieferer französischer Industriekonzerne ausgelastet sind. „Erst 22 Prozent der französischen KMU haben je mit dem Ausland geschäftlich zu tun gehabt“, sagt Becquey von BNP-Paribas.

Bei Italiens „piccole e medie imprese“ liegt die Betonung auf „piccole“. Zurzeit gibt es dort 3,3 Millionen kleine und mittelgroße Betriebe, die 51 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Davon gelten 98,6 Prozent als klein, 1,3 Prozent als mittelgroß und 0,1 Prozent als groß. Wie die Universität Bergamo in einer neu veröffentlichten Studie allerdings herausgefunden hat, wachsen die kleinen Unternehmen im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz sehr langsam. Von 1990 bis 2002 betrug ihre Wachstumsrate im Schnitt 1,6 Prozent, während ihre Konkurrenten in Irland um gut sechs Prozent zulegten.

Wichtige Rolle als Arbeitgeber

Eine entsprechend wichtige Rolle spielt der Mittelstand als Arbeitgeber. Im Jahr 2003 fanden rund 76 Prozent der von Großunternehmen entlassenen Arbeitnehmer dort einen neuen Job. In den Branchen Informatik, Lebensmittel und Mode sind diese Betriebe stark. Schwach sind sie dagegen im Management und bei ihrer Kapitalausstattung.

Ähnlich klein wie in Italien sind die spanischen KMU. Ihre Zahl stieg 2003 auf 2,8 Millionen, die 80 Prozent der Beschäftigung ausmachen. Mit 93 Prozent sind der Großteil dieser Firmen Kleinbetriebe mit weniger als zehn Angestellten, der Rest beschäftigt bis zu 250 Mitarbeiter. Die Hälfte der Mittelständler sind Dienstleister, wobei der Tourismus im Reiseland Spanien eine große Rolle spielt.

Die konservative Regierung hat den Mittelstand in den vergangenen Jahren mit mehreren Maßnahmen unterstützt. So wurde die Gemeindesteuer für Freiberufler und Unternehmen, die mit der deutschen Gewerbesteuer vergleichbar ist, für Firmen mit einem Umsatz von bis zu 1 Mio. Euro abgeschafft, wovon 92 Prozent der Firmen profitierten. An direkten Subventionen sind in einem mittelfristigen Plan 500 Mio. Euro zwischen 2000 und 2006 eingeplant.

Wettstreit um KMU

Spaniens Banken liefern sich einen Wettstreit um die KMU, deren Zahl seit 1996 um 18 Prozent gestiegen ist. Die beiden Großen, Santander und BBVA, ringen nun um dieses Segment, das traditionell von Spaniens Sparkassen und dem Banco Popular dominiert wurde. „In Spanien gibt es noch ein großes Potenzial im Geschäft mit Kleinunternehmen“, sagt der fürs Retailgeschäft verantwortliche Vorstand des BBVA, Julio López.

Im Vergleich zum Kontinent sind die Briten, die sich bereits stärker dem Kapitalmarkt geöffnet haben, viel weiter. Tony Blair will sein Land zum Paradies für Unternehmensgründer machen. Das ist den Banken der City und den 170 Anbietern der größten Wagniskapitalszene Europas bisher nicht gelungen.

Finanzminister Gordon Brown kündigte einen Spezialfonds an, bei dem „small and medium-sized companies“ 250.000 bis 2 Millionen Britische Pfund aufnehmen können, um Finanzierungslücken in der Gründungsphase und bei Expansionen zu schließen. Zwei Drittel der Einlagen in den Enterprise Capital Funds zahlt die Regierung ein. Vor zehn Jahren habe es noch vier Wochen gedauert, ein Unternehmen zu gründen, weil man bis zu 30 Bescheinigungen benötigte, die zusammen 600 Britische Pfund kosteten. „Ein Startup-Unternehmen sollte man in einer Woche und mit 20 Britische Pfund in der Tasche gründen können“, so Brown.