DiagnosticNews . Januar 2005 . Arbeitsrecht
Frankreich kehrt der 35-Stunden-Woche nun doch den Rücken
Schaffung zusätzlicher Kaufkraft
Offiziell bleibt alles beim Alten. Gesetzlich gilt weiterhin die 35-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit. Tatsächlich aber hat die französische Regierung im Dezember 2004 eine Reihe von Maßnahmen verabschiedet, die in der Praxis dazu führen werden, die Wochenarbeitszeit wieder ansteigen zu lassen.
Die Reform soll Arbeitnehmern erlauben, so Präsident Chirac, „mehr zu arbeiten, um mehr zu verdienen“. Der zentrale Punkt ist hierbei, erweiterte Verhandlungsmöglichkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu schaffen. Im Rahmen von Branchen- oder Unternehmenstarifverträgen sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Zukunft die Länge der Arbeitszeit und die Art der Besoldung von Überstunden größtenteils selbst festlegen können. Dafür hat der Gesetzgeber das maximale Überstundenkontingent von derzeit 180 auf 220 Stunden pro Jahr erhöht, soweit kein anders lautender Tarifvertrag dem entgegensteht.
Des Weiteren kann der Arbeitnehmer in Zukunft die so genannten RTT-Tage („réduction du temps de travail“) ansparen bzw. bis zu einer Höchstgrenze von 10 Tagen zurückkaufen (auszahlen lassen). Bei den RTT-Tagen handelt es sich um zusätzliche freie Tage (in der Regel 10 bis 15 pro Jahr), die seit Einführung der gesetzlich vorgeschriebenen 35-Stunden-Woche die Arbeitszeitverkürzung ermöglichen, ohne die effektiv erbrachte Wochenarbeitszeit einzuschränken.
Mit diesen Maßnahmen versucht die französische Regierung, die Nachteile der 35-Stunden-Woche in den Griff zu bekommen. Das sind zum einen die erheblichen Kosten, die der Staat zu tragen hat. So hatte die damalige sozialistische Regierung, um die Unternehmen frühzeitig zur Umsetzung der 35-Stunden-Woche zu bewegen, weitreichende Sozialabgabenkürzungen eingeführt. Zum anderen sind die Löhne und Gehälter u.a. in der Industrie seit Einführung der 35-Stunden-Woche vergleichsweise langsam gestiegen und gefährden nun den wachstumstreibenden Konsum der Privathaushalte.
Der französischen Regierung geht es also in erster Linie nicht um die Senkung der Arbeitskosten, wie es das deutsche Modell vorsieht, sondern um die Erhöhung der Einkommen und damit die Schaffung von zusätzlicher Kaufkraft.
Auf jeden Fall dürfte durch diese Reform wieder mehr Flexibilität in Frankreichs Arbeitszeiten gekommen sein.

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